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Landschaft mit Hunden

Am Vormittag sind wir bei den San im „Living Museum“ gewesen.

Alle zwei bis drei Monate zieht eine andere Großfamilie der San, bei uns besser als „Buschmänner“ bekannt, hierher ins Erongo-Gebiet, um Touristen ihre traditionelle Lebensweise vorzuführen. Und so sind auch wir am Morgen mit einem alten und einem jungen San durch die Landschaft gelaufen, haben uns zeigen lassen, wie die San Feuer machen, ihre Pfeile und Speere bei der Jagd einsetzen, wir haben die Pflanzen kennengelernt, die sie nutzen, Felszeichnungen angesehen und bei der Herstellung von Schmuck aus Straußeneiern zugeschaut.

„Wir“, das sind meine Frau, unser 16jähriger Sohn und ich. In den ersten zehn Tagen der Reise war auch unsere 19jährige Tochter mit dabei, sie musste leider wegen eines bevorstehenden Auslandsjahres zeitiger zurück nach Deutschland.

Wir sind auf einer dreiwöchigen Selbstfahrertour durch Namibia, die unsere Freunde von Kalahari – Afrika Spezial Safaris in Dresden für uns zusammengestellt haben. Einige Nächte haben wir in Lodges übernachtet, in Swakopmund in einem Hotel mit dem wunderschönen Namen „Zum Kaiser“, und manchmal, so wie in diesen beiden Nächten, campen wir. Das heißt, wir haben einen Stellplatz für unseren angemieteten Toyota Hilux mit den zwei Dachzelten, in denen wir schlafen.

Zurück am Zeltplatz beschließt meine Frau, sich eine Stunde im Zelt auszuruhen und danach ein wenig zu lesen.

Wir Männer möchten lieber spazieren gehen. Bis zur Lodge, zu der der Campingplatz gehört, sind es vielleicht drei Kilometer, der Weg hin und zurück wird, gemütlich gelaufen, vielleicht zwei Stunden dauern. Das wäre doch eine gute Gelegenheit für ein tiefgründiges Vater-Sohn-Gespräch. Aber uns ist nicht danach, diesen Tag zu zerreden. Zwischen uns schwingt etwas, das man vielleicht ein tiefes und wortkarges Einverstandensein mit uns selbst, mit diesem Tag, der Landschaft und dem eigenen Platz darin beschreiben kann. Wir sind hier und das ist gut und genug.

Als wir auf die größere Straße kommen, entdecken wir ein Verkehrsschild, welches vor Wildwechsel warnt. Nur ist nicht, wie in Europa, ein springender Hirsch abgebildet, sondern ein gemächlich dahintrottender Elefant. Wir werden also auf den verbleibenden Kilometern bis zur Lodge behutsam laufen, um nicht mit die Straße querenden Elefanten zusammenzustoßen.

Bei der Lodge ist nur eine Angestellte da, sie versorgt uns mit Getränken, bezahlen sollen wir am kommenden Tag. Wir überlegen, ob wir noch ein Bündel Feuerholz mitnehmen wollen – aber davon haben wir noch etwas vorrätig, außerdem haben wir auf dem Weg hierher einige trockene Äste am Wegesrand gesehen, die wir auf dem Rückweg aufsammeln können.

Kaum sind wir wieder auf der Straße, bekommen wir Gesellschaft. Zwei Hunde springen um uns herum, offenbar gewillt, uns zu begleiten. Beide etwa einen halben Meter hoch, braun, sehr agil und auf den ersten Blick nicht wild. Sie tragen Halsbänder und können uns gute Dienste leisten, falls es doch die Straße kreuzende Elefanten geben sollte, die Hunde würden sie wohl eher wittern als wir.

Es gibt außer Elefanten schließlich auch andere Tiere hier, Warzenschweine etwa. Die erinnern immer an die Wagen beim Autoscooter, weil bei ihnen beim Rennen der Schwanz steil nach oben steht. Das sieht tatsächlich so aus wie ein Stromabnehmer. Und auch wenn sie im „König der Löwen“ in Gestalt von Pumba ein liebevolles Denkmal gesetzt bekommen haben – in freier Natur können sie unangenehm, ja gefährlich werden. Auch deshalb ist es gut, dass wir Begleitung haben.

Dass die Hunde fest entschlossen sind, den Weg gemeinsam mit uns zu laufen, merken wir an einer Abzweigung. Die Hunde waren schon geradeaus vornweg gerannt, wir biegen nach rechts ab –nach wenigen Augenblicken bleiben die Hunde stehen, heben den Kopf – um dann schnell die Richtung zu wechseln.

Gemächlich wandern wir durch diese wundervolle und, bis auf uns, im Augenblick scheinbar vollkommen menschenleere Landschaft. Es sieht ein wenig so aus, als habe eine Rasselbande übermütiger Riesenkinder mit Bauklötzern aus Stein gespielt und sich danach geweigert, das Zimmer wieder aufzuräumen. Überall liegen Felsbrocken herum, kleinere und größere, einzelne zu richtigen Bergen aufgehäuft, andere als Solitär in der Ebene.

Dazwischen Sträucher, viele blattlos jetzt im namibischen Winter, und hüfthohes gelbes Steppengras. Es hat gut geregnet in den vergangenen Monaten. Menschen, Tiere und Pflanzen haben nach langen Jahren mit regelmäßigen Dürreperioden ihre Vorräte auffüllen können.

Dass es Winter ist, macht uns nichts aus, im Gegenteil, die Temperaturen liegen auf dem Niveau eines milden Frühsommertags daheim, tagsüber geht es auf fast 25 Grad hinauf und in den Nächten sind es um die 10 Grad. In den Zelten haben wir neben den Decken, die zur Ausstattung gehören, auch noch Schlafsäcke zur Verfügung, die wir vorsorglich mitgebracht haben.

Verstärkt wird dieses angenehme Temperaturempfinden von der Färbung der Felsen, die in allen erdenklichen warmen Rot-, Orange- und Ockertönen leuchten, dazu noch wechselt ihre Farbe je nach Tageszeit und Stand der Sonne.

Den Namibiern dagegen scheint es richtig kalt zu sein, die laufen bei diesen Temperaturen auch schon mal mit dicker Bommelmütze herum.

Ebenso wundervoll wie die Landschaft um uns herum ist auch, das etwas völlig fehlt: Lärm. Seit wir gestern nachmittag hier angekommen sind, haben wir höchstens drei oder vier Autos von ferne gesehen, Jeeps, die interessierte Touristen zu den San gebracht haben. Ansonsten: Stille. Man hört den Klang der eigenen Schritte auf dem sandigen Bogen, hört den Wind, der das Gras bewegt, hört Vögel, hört all die Klänge der Natur, die daheim im Alltag durch den ständigen Geräuschpegel aus dem Bewusstsein gelöscht werden.

Unser Zeltplatz liegt zwischen mehreren Felsblöcken – wobei der Begriff Zeltplatz in die Irre führt. Es ist ein Stellplatz für ein einziges Wohnmobil. Zwischen den beiden ersten großen Felsen befindet sich eine Feuerstelle und genug Fläche, um Tisch und Stühle aufzustellen. Hinter dem nächsten Felsen ist Platz, um den Toyota abzustellen und die Dachzelte auszuklappen. Und noch einen Felsen weiter befindet sich die „Nasszelle“, also Toilette, Dusche und Waschbecken. Es gibt einen Boiler, den man mit Holz anheizt, damit man warm duschen und sich waschen kann. Ein Dach hat dieser Bereich nicht, so kann man beim Sitzen auf dem Thron die Sterne betrachten. Traumhaft.

Es wird zeitig dunkel, kurz nach sechs Uhr abends ist es finster und bis auf eine Gaslampe und ein paar Taschenlampen haben wir keine weiteren Lichtquellen. Aber noch ist genug Zeit, um vorher auf die Hügel gleich neben unserem Zeltplatz zu steigen und oben die Panorama-Funktion unserer Kamera auszutesten.

Die Hunde finden den Einfall ebenfalls prima und stürmen mit uns den Berg hinauf. Sie machen das offenbar nicht zum ersten Mal. Das gibt uns Gelegenheit, uns von ihnen die günstigsten Wege zeigen zu lassen. Auch wenn der Stein sich warm und porös anfühlt und obwohl wir in der Nähe der Sächsischen Schweiz wohnen – trainierte Kletterer sind mein Sohn und ich nicht.

Das mit den Fotos stößt allerdings auf Hindernisse, weil die Hunde viel lieber mit uns tollen wollen und uns ab und an freundlich anspringen –immer dann, wenn man versucht, sich ohne zu wackeln um die eigene Achse zu drehen.

Wieder unten bekommen die Hunde eine weitere Schale frisches Wasser und ich mache Feuer. Es gibt Hühnchen zum Abendbrot, wir haben eine große Packung tiefgefrorene Geflügelteile gekauft. Kräftig gewürzt und über dem durchgeglühten Holz gegrillt – hier draußen wird selbst ein so einfaches Essen zum Festmahl.

Ich bin nicht sicher, ob wir den Hunden die abgenagten Hühnerknochen geben sollten. In Deutschland würden Hundebesitzer wohl sofort die Arme heben, um Himmels willen, bloß nicht. Röhrenknochen! Erstickungsgefahr! In den Tiefen unserer Kühlbox findet sich eine Knackwurst. Was man alles so in Swakopmund im Supermarkt bekommt. Die riecht wie eine geräucherte Thüringer Knackwurst und wahrscheinlich wird sie auch so schmecken – testen werden wir das nicht, denn wir spendieren sie unseren beiden treuen Begleitern.

Um 7 sind wir alle fünf angenehm gesättigt und sitzen um das Feuer. Die Hunde betreiben so etwas wie Arbeitsteilung. Einer sitzt bei uns und lässt sich kraulen, während der andere etwas abseits sitzt und in die Nacht hinausschaut. Er hält Wache. Und nach einer Viertelstunde vielleicht wechseln die beiden die Plätze. Es sind ein Rüde und eine Hündin. Nicht die gleiche Rasse, Geschwister also wohl kaum, vielleicht so etwas wie ein Hundeehepaar.

Um 8 ist es so dunkel um uns herum, dass es sich anfühlt wie bei uns daheim um Mitternacht. Meine Frau und mein Sohn kriechen in die Zelte. Mein Sohn stellt sich den Wecker, um nachts, nach Monduntergang, das Kreuz des Südens zu fotografieren. Ich möchte noch ein wenig hier am Feuer sitzen, öffne noch eine Büchse Windhoek Lager und schaue in die Flammen.

Wann, so frage ich mich, habe ich mich zum letzten Mal so lebendig gefühlt? So ruhig und völlig im Einklang mit den Menschen und Dingen um mich herum? Das muss lange her sein.

Wir haben auf dieser Reise wundervolle und spektakuläre Dinge erlebt. Der erste Abend in der Kalahari, mit Sundowner auf einer roten Düne im Sonnenuntergang. Der Aufstieg zum Big Daddy, eine der höchsten Sanddünen der Welt. Und am Abend vor dem Aufstieg hatten unsere Freunde vom Kalahari ein Starlight-Donner bei der Sossusvlei-Lodge für uns organisiert. Nur wir vier fanden uns inmitten der Nachtlandschaft an einem festlich gedeckten Tisch unter dem atemberaubenden südlichen Sternenhimmel, alles war erleuchtet von Fackeln und Laternen, wir hatten fünf Personen Bedienung nur für uns und ein Büffet, das für eine ausgehungerte Fußballmannschaft immer noch reichlich bemessen gewesen wäre.

Das war Luxus, unglaublicher Luxus, ganz ohne Frage.

Und doch hier, beim Schauen in die allmählich schwächer werdende Glut, bekomme ich einen anderen Bezug zu Luxus. Ist nicht das, was ich gerade erlebe, ein noch viel größerer Luxus, etwas viel Selteneres und Kostbareres? Ich bin zur Ruhe gekommen. In meinem Kopf rennen die Gedanken nicht mehr wie ein Hamster in einem Laufrad hinter den nächsten Terminen und Aufgaben her. Mit jedem Atemzug fühle ich, dass ich lebe und bin glücklich darüber. Das Lager der San liegt vielleicht einen Kilometer entfernt, hinter einem größeren Berg, aber hier ist davon nichts zu hören. Ich lausche in diese wohltuende Stille und fühle mich denen, die ich liebe, sehr nah. Ich stehe unter dem Sternenhimmel, sehe über die vom Mondlicht silbern erleuchtete Landschaft und staune wie ein kleines Kind über die Schönheit dieser Nacht, dieser Welt, dieses Lebens.

Etwas später ist die Glut so weit heruntergebrannt, dass ich sie getrost über Nacht verlöschen lassen kann. Es macht nicht den Eindruck, als ob ein Wind aufkommen, die Glut herumblasen und einen Grasbrand verursachen würde. Das ist leichtsinnig, aber jetzt einen Eimer Wasser zu holen und ihn auf die Reste des Glutbettes zu gießen, das laute Geräusch und der Qualm, der dann entstünde, das alles würde den Zauber der Nacht stören. Die Hunde werden uns ja außerdem bewachen.

Ich gebe ihnen einen leichten Klaps, gehe mir die Zähne putzen und dann kuschele ich mich im Zelt an meine Frau heran, die schon tief und fest schläft.

Hier ist es kein Problem für mich, zehn oder elf Stunden erholsam zu schlafen, wenn die Gedanken erst einmal zur Ruhe gekommen sind. Ich stecke kurz nach 8 Uhr morgens die Füße aus dem Zelt, taste nach der Leiter – und ziehe die Füße erschrocken wieder zurück. Die Hunde begrüßen mich freudig mit einer Fußwaschung per Zunge. Genauso haben sie in der Nacht Valentin begrüßt, als er seine Fotos machen wollte, sie sind so fröhlich um ihm herumgesprungen, dass an ein Fotografieren nicht zu denken war. Ich habe so fest geschlafen, dass ich davon nichts gemerkt habe.

Die Knackwurst ist alle, aber wir haben noch eine Leberwurst. Ich schmiere Brote damit, die eine Hälfte essen wir selbst, die andere Hälfte wird an die Nachtwächter verfüttert. Nach dem Frühstück beginnen wir, unsere Sachen zu packen, die Hunde liegen derweil im Schatten und faulenzen. Sie haben ihren Dienst geleistet, jetzt haben sie Freizeit. Wenig später fahren wir los, ein ziemliches Stück Strecke liegt heute vor uns.

An der Lodge machen wir halt, um unsere Schulden zu begleichen und uns abzumelden. Und wir berichten, dass die Hunde hinten beim Zeltplatz liegen. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht“, sagt die Chefin. „Aber wir haben geahnt, dass sie bei Euch sind. Nun – sie werden ganz schön enttäuscht sein, wenn ihr nicht zurückkommt. Die warten auf Euch und werden Euch vermissen…“

Die Hunde werden uns vermissen. Und ich, kaum eine Viertelstunde Autofahrt davon entfernt, vermisse diesen Ort ebenfalls.

Aufgeschrieben von Dr. Matthias Ullmann

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